Caritasanstalt St. Anton in Bruck/Glocknerstraße

Elisabeth Hemetsberger vulgo "Postliesl"; Quelle: privat

"NACH NIEDERNHART ÜBERSTELLT"

1921 erwarb der Caritasverband Salzburg das Traunergut in Hundsdorf bei Bruck. War es ursprünglich als Erholungsheim für durch die Not der Nachkriegszeit geschwächte Kinder gedacht, so wurden aber tatsächlich eine "Anstalt für schwachbegabte und geistig zurückgebliebene Kinder" und eine Hilfsschule eingerichtet. Die Betreuung übernahmen die Vöcklabrucker Schulschwestern.

Anfang der 40-er Jahre beherbergte die Caritasanstalt St. Anton etwa 40 Hilfsschüler und 35 Arbeitszöglinge. Für diese mussten die bereits erwähnten Meldebögen des Reichsinnenministeriums ausgefüllt und nach Berlin geschickt werden. Ohne Ankündigung wurden am 9. Juni 1940 auf Anordnung der Reichsstatthalterei für Oberdonau acht "aus diesem Gebiet stammende Zöglinge" mit einem Auto in St. Anton abgeholt und in die Heilanstalt Niedernhart in Linz überstellt. Mit Ausnahme von zwei junge Frauen wurden alle wenige Tage später in Hartheim ermordet.

Eine der beiden Geretteten, Elisabeth Hemetsberger, konnte bald wieder nach Bruck zurückkehren. Das aus ärmlichen Verhältnissen stammende Kind einer ledigen Dienstmagd wurde zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Linz geboren. Bis zu ihrer Schulentlassung musste sie mehrmals den Pflegeplatz wechseln. Als Fünfzehnjährige kam sie in die Caritasanstalt in Bruck. Im Juni 1940 erfolgte gemeinsam mit den sieben anderen Zöglingen die Überstellung in die Heilanstalt Niedernhart, wo zu diesem Zeitpunkt die Euthanasieaktion bereits voll im Gange war. Durch energisches Betreiben ihrer Pflegemutter, Maria Quirtmaier aus Ottnang, blieb Elisabeth Hemetsberger jedoch am Leben und  kehrte nach wenigen Monaten unversehrt  in den Pinzgau zurück. Sie konnte hier auf Kosten der Anstalt leben und wurde in ein regelrechtes Dienstverhältnis übernommen.

Doch noch einmal geriet die junge Frau ins Visier der NS-Rassenhygieniker. Das Erbgesundheitsgericht  in Salzburg bestimmte ihre Unfruchtbarmachung, die die Anstaltsleitung von St. Anton vergeblich zu verhindern versuchte. 1943 wurde Elisabeth Hemetsberger im Landeskrankenhaus Salzburg zwangssterilisiert.

Nach dem Krieg gehörte das Abholen der Post für die Caritasanstalt zu ihren Aufgaben. Ausgestattet mit lederner Briefträgertasche machte  sie sich täglich auf den Weg zum Postamt in Bruck. So war die "Post-Liesl", wie man sie liebevoll nannte, bald selbstverständlicher Teil des Brucker Dorflebens. Elisabeth Hemetsberger starb im Mai 1997 in ihrer Heimatgemeinde Bruck - über 56 Jahre nach der Aktion "T4".

Im Herbst 1941 erreichte die Caritasanstalt ein Schreiben des Direktors der städtischen Fürsorgeanstalt "Am Spiegelgrund", Dr. Erwin Jekelius. Er ordnete die Überstellung von sieben Kindern  nach vorheriger Rückfrage zur Begutachtung an. Vermutlich wusste die Leitung von St. Anton, was den Kindern bevorstand,  und unterließ es einfach, in Wien rückzufragen. Eine weitere Aufforderung von Dr. Jekelius langte nicht mehr ein. Die drei Mädchen und vier Buben konnten in Bruck bleiben.