Protest und Widerstand

Sr. A. B. Königsegg

Der bedeutendste Widerstand gegen die "NS-Euthanasie" kam aus den Kirchen. In Salzburg war es vor allem die Visitatorin der Barmherzigen Schwestern, Anna Bertha Königsegg, die die NS-Euthanasie offen ablehnte.

ANNA BERTHA KÖNIGSEGG:

 „…Denn unser Gewissen verbietet uns, in dieser Aktion mitzuwirken"

Anna Bertha Königsegg, 1883 in Königseggwald /Württemberg geboren, trat schon mit  18 Jahren den Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul bei. Zu ihrer eigenen Überraschung wurde sie 1925 als Visitatorin nach Salzburg berufen. Visitatorin nach Salzburg berufen, wo sie einen Aufschwung der Provinz einleite. Hunderte Schwestern arbeiteten in zahlreichen öffentlichen und privaten Einrichtungen, u. a. im Landeskrankenhaus, der Landesheilanstalt, Armenhäusern und Einrichtungen wie dem Versorgungshaus Kuchl, dem Konradinum oder Schloss Schernberg.

Sr. Anna Bertha war eine glaubensstarke, resolute Frau und entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus. Konflikten mit dem Regime wich sie nicht aus.
Nach der Einführung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in der "Ostmark“ Anfang 1940 erteilte die Visitatorin ihren im Landeskrankenhaus tätigen Schwestern die Weisung, bei Zwangssterilisierungen in keiner Weise zu assistieren.

Im August 1940 traf in Schernberg ein Schreiben der Reichsstatthalterei Salzburg ein, das die Verlegung einer größeren Anzahl von Kranken ankündigte. Anna Bertha wusste zu diesem Zeitpunkt bereits über die wahren Hintergründe Bescheid und reagierte sofort. In einem Brief an den Reichsverteidigungskommissar und Gauleiter von Salzburg, Friedrich Rainer, nahm sie ausdrücklich gegen die Maßnahmen Stellung:

„Es ist nunmehr ein offenes Geheimnis, welches Los diese abtransportierten Kranken erwartet, denn nur zu oft langt kurz nach ihrer Überführung die Todesnachricht vieler derselben ein." Daher erklärte sich die Visitatorin bereit, „wenn sie uns zusagen, unsere Pfleglinge in Schernberg zu belassen, bis zum Ende des Krieges und der Rückkehr zu Friedensverhältnissen auf den staatlichen Beitrag […] zu verzichten und einzig auf Kongregations-Kosten die Anstalt im jetzigen Zustand weiter zu erhalten."

Für den Fall des Abtransportes lehnte Sr. Anna Bertha jedoch jede Mithilfe entschieden ab. Die Antwort auf dieses Schreiben bestand in der Verhaftung der Visitatorin durch die Gestapo am 17. September 1940. Nach 11 Tagen im "Grand Hotel zur Polizei", wie sie das Gefängnis humorvoll bezeichnete, wurde sie wieder freigelassen. Anna Bertha Königsegg ließ sich aber nicht einschüchtern. Wenig später nahm sie auch gegen die "Verlegung" von behinderten Kindern und Jugendlichen aus Mariathal in gleicher Weise Stellung.

Anfang April 1941 stand der Abtransport der Schernberger Pfleglinge unmittelbar bevor. Noch einmal wandte sich die Visitatorin an den Gauleiter. An ihrer Entschlossenheit ließ sie keinen Zweifel: Sie müsse den Schwestern untersagen, "irgendwie dabei mitzuhelfen, wäre es auch nur mit dem Ausfüllen von Listen und Fragebögen, denn unser Gewissen verbietet uns, in dieser Aktion mitzuwirken".

Daraufhin wurde Sr. Anna Bertha am 16. April 1941 neuerlich verhaftet. Es war kein Zufall, dass noch am selben Tag die ersten Deportationen durchgeführt wurden, zuerst aus „Lehen", dann aus Schernberg und Mariathal.

Nach vier Monaten, wenige Tage vor der Einstellung der Aktion „T4", entließ die Gestapo die unbequeme Visitatorin aus der Haft. Unverzüglich musste Anna Bertha Königsegg den Reichsgau Salzburg verlassen und sich auf das Gut ihres Bruders "in die Verbannung", wie sie es in ihren Briefen bezeichnete, begeben.

Erst nach Kriegsende im Sommer 1945 kehrte sie wieder in das schwer beschädigte Mutterhaus zurück, wo sie einen Teil des Wiederaufbaues noch miterleben konnte. Anna Bertha Königsegg starb am 12. Dezember 1948, gerade 65 Jahre alt. Ihr Auftreten war die couragierteste Protestaktion der Kirche gegen die "NS-Euthanasie" in Salzburg.

Im Nachruf hieß es: "Unerschrocken trat sie allem Unrecht entgegen und fürchtete niemand, wenn es galt, verfolgte Menschenleben zu retten. Lieber ertrug sie Haft, Verfolgungen und Drohungen, als dass sie zum Unrecht geschwiegen hätte."
Sr. Anna Bertha ist durchaus in eine Reihe mit dem Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, zu stellen.