Diakoniewerk Gallneukirchen

Richard Aspöck; Quelle: privat.

„ABGEGANGEN NACH UNBEKANNT"

Mehrere aus Salzburg stammende Opfer der "NS-Euthanasie" waren auch in Anstalten außerhalb der Landesgrenzen untergebracht. Ihre genaue Zahl  ist nicht bekannt. Der Mattseer Georg Pöckl beispielsweise wurde aus der in Bayern gelegenen Heilanstalt Gabersee am 17.01.1941 nach Hartheim transportiert, mindestens sechs SalzburgerInnen kamen aus der Tiroler Heil- und  Pflegeanstalt in Hall, einige wiederum holte man aus dem Diakoniewerk Gallneukirchen in Oberösterreich ab.

Diese Einrichtung liegt unweit von Linz im südlichen Mühlviertel. Seit über 100 Jahren betreut dort die evangelische Diakonie in mehreren Heimen behinderte Menschen. Am 13. Jänner und am 31. Jänner 1941 erschienen unangemeldet "Uniformierte und Pfleger" und holten insgesamt 67 Pfleglinge, darunter auch vier aus Salzburg, ab. Offiziell wurde im Anschluss der Leitung des Diakoniewerks mitgeteilt, dass "die Zöglinge aus kriegswichtigen Gründen nach Sonnenstein bei Pirna in das Altreich verlegt" worden seien. Von dort erhielten die Angehörigen wenige Tage später auch die Todesmeldung und die Sterbeurkunde. Ermordet wurden die Menschen aber in der nur 40 km entfernten Tötungsanstalt Hartheim. Zur Irreführung der Angehörigen tauschten die Sonderstandesämter in Schloss Hartheim und Sonnenstein die Daten ihrer Opfer aus.

 

RICHARD ASPÖCK:

Richard Aspöck wurde am 14. Juni 1919 als jüngstes Kind einer Notarsfamilie in Salzburg geboren und wuchs in Radstadt und Hallein auf. Eine seiner drei Schwestern starb mit 5 Jahren an den Folgen der „Spanischen Grippe“, einer weltweiten Pandemie. Auch Richard Aspöck erkrankte schwer. Laut einem ärztlichen Gutachten war er seither "geistesschwach, schwerhörig, am rechten Ohr taub" und litt "an einer Sprechstörung, die mit Gesichtszehrungen verbunden war" (Beschluss des Amtsgerichtes Urfahr vom 21. September 1940, Quelle: privat).

Über seine Kindheit und  Schullaufbahn ist wenig bekannt. Vom Oktober 1925 bis zum August 1928 war Richard Aspöck in der Caritasanstalt St. Anton in Bruck an der Glocknerstrasse untergebracht. Im Austrittsvermerk steht: "Wegen Gesundheitsrücksichten bei den Eltern geblieben" (Quelle: Caritasanstalt St. Anton). Später erhielt er aufgrund seiner Beeinträchtigungen Privatunterricht.

Nach dem Tod der Eltern wurde er im Mai 1939 in die Evangelische Diakonissen-Anstalt Gallneukirchen im Haus "Friedenshort" aufgenommen und in der Gärtnerei beschäftigt. Im darauf folgenden Winter war Richard Aspöck, wie auf seiner Karteikarte vermerkt wurde, für ein paar Wochen bei seiner Schwester Hilda in Hallein auf Urlaub. Sie war seine wichtigste Bezugsperson und wurde im September 1940 vom Amtsgericht Urfahr auch zu seinem Vormund bestellt. Das dem Beschluss zugrunde liegende Gutachten ergab, dass zwar nach ärztlicher Sicht eine beschränkte Entmündigung angezeigt war, "die Anhaltung in einer geschlossenen Anstalt aber nicht in Betracht kommt, wohl aber ständige Aufsicht und Führung notwendig sei. Dieser wird er in einer Anstalt wie der, wo er sich gegenwärtig aufhalte, am besten teilhaft. Eine Änderung im Aufenthalt ist daher nicht erforderlich" (Beschluss des Amtsgerichtes Urfahr vom 21. September 1940, Quelle: privat). Trotzdem verfügte der Gaufürsorgeverband Hallein als kosenträger, "dass Richard Aspöck […] in das Versorgungshaus Kuchl überführt wird, weil die Kosten die der öffentlichen Fürsorge dadurch entstehen, gegenüber der Anstalt Gallneukirchen wesentlich niedriger sind" (Bescheid des Bezirksfürsorgeverbandes Hallein, Quelle: privat). Um die Verlegung zu verhindern, erklärte sich Hilde Aspöck bereit, "persönlich für alle Bedürfnisse ihres Bruders aufzukommen und keinerlei öffentliche Mittel in Anspruch zu nehmen" (Schreiben an das Kuratelgericht Linz-Land, Quelle: privat).

Doch schon wenige Monate später wurde Richard Aspöck aus Gallneukirchen weggebracht. Der letzte, in rot geschriebene Eintrag auf seiner Karteikarte  vom 13. Jänner 1941 lautet "„Abgegangen: nach unbekannt". Gemeinsam mit anderen Pfleglingen aus dem Diakoniewerk wurde er in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim transportiert und dort ermordet.

Genau eine Woche später erhielt Hilde Aspöck die Postkarte mit der Nachricht von der angeblichen Verlegung ihres Bruders in die Heilanstalt Sonnenstein bei Pirna. Sie setzte sich umgehend mit der Anstalt in Verbindung und erhielt die Auskunft, dass "das Befinden des Patienten zufriedenstellend sei". Die offizielle Sterbeurkunde weist aus, dass Richard Aspöck noch in der folgenden Nacht an einer schweren Ruhr gestorben sein soll. Die aus Pirna übermittelte Urne wurde Ende Februar am Halleiner Friedhof beigesetzt.