Aktion "T4"

Reichspostbusse der "Gekrat" dienten zum Abtransport der Opfer; Quelle: DÖW

Während die "Kindereuthanasie" mit  vorgetäuschter Wissenschaftlichkeit verbunden war, zielte die Aktion "T4" auf eine flächendeckende, möglichst effiziente Beseitigung der PatientInnen der Heil- und Pflegeanstalten. Für die geplanten Massentötungen gab es keine ausreichende rechtliche Grundlage. Sie waren daher  auch nach den geltenden Gesetzen des NS-Staates als Mord zu qualifizieren. Daran änderte auch eine im Oktober 1939 auf Adolf Hitlers privatem Briefpapier ausgestellte "Ermächtigung zur Gewährung des Gnadentodes für unheilbar Kranke" nichts. Es war kein Zufall, dass sie  auf den 1. September 1939 rückdatiert wurde. Die Gleichzeitigkeit mit dem Angriff auf Polen und dem damit einhergehenden Beginn des Zweiten Weltkriegs sollte die Bevölkerung von der kriegswirtschaftlichen Notwendigkeit der Euthanasie überzeugen.

Um jeglichen Zusammenhang mit der Kanzlei des Führers zu vermeiden wurde eine Tarnorganisation mit komplizierten Strukturen und eigenem Personal geschaffen.  Nach der Adresse der Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, erhielt die Aktion ihren Namen. Diese Zentraldienststelle war in mehrere nach außen eigenständige Abteilungen untergliedert:

 
  • Die "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" (RAG) organisierte die Erfassung der Opfer.

  • Die "Gemeinnützige Krankentransport GmbH" (Gekrat) führte die Transporte in die Euthanasieanstalten durch.

  • Die "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege" war für die Finanzierung  und den Einkauf z.B. der Tötungsmittel zuständig und fungierte als offizieller Arbeitgeber für die bis zu 400 Angestellten.

  • Die "Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten" (ZVSt) war für die Abrechnung mit Behörden und Kostenträgern verantwortlich.

 

PLANWIRTSCHAFTLICHE ERFASSUNGEN

Die Aktion "T4" begann mit einem  Rundschreiben des  Reichsministers des Innern an alle Heil- und Pflegeanstalten. Dieser Erlass verpflichte die Anstaltsleitungen zur Meldung  der in Frage kommenden Personen.  Die so gesammelten Daten bildeten die Grundlage für die Auswahl der Opfer. Die zurückgesandten Meldebögen wurden jeweils an drei ärztliche "Gutachter" weitergeleitet. Ohne die Menschen jemals gesehen zu haben, entschieden sie über Leben und Tod. Ein rotes "+" stand für „Töten“ ein blaues "-" für "Weiterleben". Ein wesentliches Kriterium für diese Entscheidung war die Frage der Arbeitsfähigkeit. Insgesamt wurden zur "Begutachtung" der mehr als 100.000 AnstaltspatientInnen über 40 "Gutachter" eingesetzt, darunter sechs Österreicher. Sie stempelten in weniger als zwei Jahren 70.000  Menschen  als "lebensunwert" ab. Die endgültige Entscheidung zur Tötung lag bei einem "Obergutachter". Von dort gingen die Namenslisten schließlich an die "Gemeinnützige Krankentransport GmbH" zur Vorbereitung des Abtransportes. Gleichzeitig informierte das Reichsministerium des Innern die betroffenen Anstalten über die anstehenden "kriegsnotwendigen Verlegungen".

Massive Proteste aus der Bevölkerung und seitens der Kirchen trugen sicher dazu bei, dass die Aktion "T4" nach einem Jahr eingestellt wurde. Die Aktion war in organisatorischer, personeller und technologischer Hinsicht eine bedeutende Vorstufe zum Holocaust. Zahlreiche MitarbeiterInnen wechselten von "T4" zur "Aktion Reinhard", dem Massenmord an der jüdischen Bevölkerung im Generalgouverment.