Dr. Heinrich Gross

Dr. Heinrich Gross; Quelle: DÖW.

Einer der Ärzte der "Kinderfachabteilung" war der aus Wien stammende Dr. Heinrich Gross, Jahrgang 1915. Er arbeitete ab 1940 in der Anstalt und war auch nach seiner Einberufung zur Wehrmacht 1943 zeitweise "Am Spiegelgrund" tätig.

Nachdem er nach zweijähriger Kriegsgefangenschaft für einige Zeit untertauchen konnte, wurde er 1950 verhaftet  und zu zwei Jahren Kerker verurteilt, aber nicht wegen Mord, sondern wegen Totschlags. Die Rechtssprechung ging davon aus, dass an "Geisteskranken oder Geistesschwachen" kein heimtückischer Mord begangen werden könne, da den Betroffenen "die Einsicht fehlte" (Quelle: Wolfgang Neugebauer, "Zum Umgang mit der NS- Euthanasie in Wien nach 1945", DÖW). Der Oberste Gerichtshof (OGH) hob das Urteil wegen Widersprüchlichkeiten auf und verwies es an die Erstinstanz zurück. Die Staatsanwaltschaft Wien zog den Strafantrag zurück, worauf  das Verfahren im Frühjahr 1951 eingestellt wurde.

Noch im selben Jahr konnte Dr. Gross seine medizinische Laufbahn an der Wiener Nervenheilanstalt auf dem Rosenhügel fortsetzen. Zwei Jahre danach trat er der SPÖ bei und stieß insbesondere im Bund sozialistischer Akademiker (BSA) auf viele ehemalige Gesinnungsfreunde. 1955 schloss er seine Ausbildung zum Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten ab und kehrte als Anstaltsarzt bzw. -oberarzt in die damalige Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" zurück, wo sich von 1940-1945 die "Kinderfachabteilung" befunden hatte. 1957 stieg Dr. Gross Am Steinhof zum Primarius der Männer-Heilanstalt auf. Von seinem Vorgänger übernahm er auch das Neurohistologische Laboratorium des Hauses, in dem die Gehirne von den "Kindern vom Spiegelgrund" zur späteren Bearbeitung aufbewahrt worden waren.  

Schon in den Jahren davor hatte er mit der neuropathologische Auswertung der Gehirne begonnen und in der Folge veröffentlichte er dazu zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Schließlich bekam er 1968 die Leitung des eigens für ihn geschaffenen "Ludwig Boltzmann-Instituts zur Erforschung der Missbildungen des Nervensystems" übertragen. Darüber hinaus war Dr. Heinrich Gross auch als Gutachter tätig und galt über Jahre als der meistbeschäftigte Gerichtsgutachter Österreichs. 1975 zeichnete ihn die Republik Österreich mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse aus.

Im Jänner 1979 wurde Dr. Heinrich Gross als Referent zu einer Tagung über "Tötungsdelikte von Geisteskranken" an die Universiät Salzburg eingeladen. Die "Arbeitsgemeinschaft Kritische Medizin" um den Wiener Unfallchirurgen Dr. Werner Vogt nahm den Vortrag zum Anlass, um Heinrich Gross mit seiner NS-Vergangenheit zu konfrontieren. In einem Flugblatt wurde ihm die Mitwirkung "an der Tötung hunderter angeblich geisteskranker Kinder" vorgeworfen.

Daraufhin klagte Dr. Heinrich Gross den „Kritischen Mediziner“ wegen Ehrenbeleidigung. Nach einem Schuldspruch in erster Instanz konnte Dr. Werner Vogt in einem umfangreichen Beweisverfahren den Wahrheitsbeweis für seine Behauptung erbringen und wurde 1981 freigesprochen. Strafrechtliche Konsequenzen für Dr. Heinrich Gross waren  mit diesem Urteil nicht verbunden. Obwohl das Oberlandesgericht Wien 1981 in seinem Berufungsurteil eindeutig seine persönliche Involvierung in die Kindermorde „Am Spielgrund“  als erwiesen annahm, wurde damals kein Strafverfahren eingeleitet. Die Zuständigen stimmten überein, „unter Verneinung der Niedrigkeit der Beweggründe“ die Euthanasiehandlungen nicht als Mord, sondern als Totschlag zu bewerten, wodurch Verjährung gegeben war. Dr. Gross  ging aber noch im selben Jahr aus Altersgründen in Pension und wurde wenig später aus der SPÖ  ausgeschlossen. 1988 folgte der Ausschluss aus dem BSA, im Jahr darauf musste er seine Leitungsfunktion im Ludwig-Boltzmann-Institut zurücklegen. Seine Sachverständigentätigkeit bei Gericht hat er allerdings noch viele Jahre fortgesetzt.

Erst Ende 1997 änderte die österreichische Justiz ihren Rechtsstandpunkt und begann Vorerhebungen wegen Mordes einzuleiten. Zu einem Urteil kam es jedoch nicht. Der über 80-jährige Psychiater wurde wegen fortschreitender Demenz für verhandlungsunfähig erklärt. 2005 belasteten ihn in russischen Archiven  aufgetauchte Dokumente noch schwerer. Dr. Heinrich Gross starb im selben Jahr ohne je rechtskräftig verurteilt worden zu sein.