Kindereuthanasie

Krankensaal der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof", Dezember 1938; Quelle: DÖW

Unter dem Deckmantel von Pädagogik, Krankenpflege, Medizin und Wissenschaft planten die Nationalsozialisten eine Geheimaktion zur Tötung behinderter Kinder. Die Kindereuthanasie begann 1939 und dauerte bis Kriegsende an. Initialzündung war der Fall eines schwer behinderten Jungen, der an die Kanzlei des Führers herangetragen wurde. Der Begleitarzt Hitlers, Dr. Karl Brandt, veranlasste die "Einschläferung" des fünf Monate alten Kindes. Hitler befahl anschließend, dass in vergleichbaren Fällen ebenso zu verfahren sei und beauftragte die Kanzlei des Führers mit der Durchführung der Kindereuthanasie.

Eine beratende Kommission aus Fachleuten wurde eingesetzt, die zur Tarnung den Namen "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten Leiden" bekam. Ein streng vertraulicher Runderlass des Reichsministers des Innern vom August 1939 verpflichtete alle Hebammen und ÄrztInnen, Neugeborene und Kleinkinder den zuständigen Gesundheitsämtern zu melden. Unter der Vorspiegelung der Klärung wissenschaftlicher Fragen sollte jedes Kind, das "verdächtig" ist, mit folgenden schweren angeborenen Leiden behaftet zu sein, erfasst werden: "Idiotie sowie Mongolismus", Mikrocephalie (abnorme Kleinheit des Kopfes), Hydrocephalus (Wasserkopf), Missbildungen (Fehlen von Gliedmaßen etc) und Lähmungen. Mit keinem Wort wurden die wahren Hintergründe der Erhebung angedeutet.

Nach Eingang der Meldung veranlasste der Reichsausschuss die Einweisung der Betroffenen in sogenannte "Kinderfachabteilungen". Diese getarnten Tötungszentren wurden eigens in bestehenden Heilanstalten und Kliniken errichtet und standen unter ärztlicher Leitung. Im ganzen Reich existierten mehr als 30 "Kinderfachabteilungen", davon je eine in Graz, Klagenfurt und Wien. Um die Einweisung der Kinder zu beschleunigen, wurde den Eltern Hoffnung auf eine bestmögliche medizinische Versorgung gemacht, auch in Fällen, die bis dahin als hoffnungslos gelten mussten.