Landesheilanstalt für Geistes- u. Gemütskranke

Margarete Eder; Quelle: privat.

"TRANSFERIERT BERLIN W9 POTSDAMERPLATZ 1"

Anfang Juni 1940 trafen die Meldebögen des Reichsministers des Innern in der Salzburger Landessheilanstalt ein. In den darauf folgenden Wochen füllten die behandelnden Ärzte die Bögen mit detaillierten Informationen über die rund 500 PatientInnen aus und sandten sie nach Berlin zurück. Unter anderem enthielten die Formulare genaue Angaben über die "Art und Dauer der Beschäftigung in den Anstaltsbetrieben und den Wert der Arbeitsleistung, verglichen mit der Durchschnittsleistung Gesunder". Gerade in Bezug auf die Arbeitsfähigkeit legte die Direktion sehr strenge Maßstäbe an. Ob den Verantwortlichen dabei der eigentliche Zweck der Meldebögen bekannt war, lässt sich nicht mehr eruieren.

Im Frühjahr 1941 verlagerte sich der Schwerpunkt der Aktion "T4" innerhalb der "Ostmark" von Wien über die Steiermark und Kärnten Richtung Westen. In den Planungen für die Abwicklung der Transporte nach Hartheim war Salzburg nach Tirol und Vorarlberg als letztes Bundesland vorgesehen.

"….im April 1941 wurden sämtliche Schwestern in die Kanzlei des Dr. Wolfer sen. gerufen und von ihm mitgeteilt, dass sämtliche Kranke, die er den Namen nach vorgelesen hat, aus militärischen Gründen in eine andere Anstalt überführt werden. Dr. Wolfer betonte hiebei, dass wir diese Mitteilung geheim halten müssen und niemandem gegenüber Gebrauch machen dürfen, widrigenfalls wir mit der Todesstrafe zu rechnen hatten."

Am 16. April 1941 fuhren zum ersten Mal die verdunkelten Busse in der Salzburger Anstalt vor. Alle Tore waren hinter ihnen geschlossen worden, jeglicher Besuch war untersagt. Mit 68 Frauen verließen die Autobusse das Gelände wieder Richtung Linz-Niedernhart, von wo die Patientinnen anschließend in die Vernichtungsanstalt Hartheim gebracht wurden. Alle persönlichen Gegenstände sowie eine genaue  Inventarliste und der Krankenakt mussten mitgegeben werden. An den nächsten beiden Tagen wiederholte sich dieser Vorgang. Kurze Zeit später trafen die ersten Todesmeldungen ein - entweder aus Hartheim selbst oder, um die Angehörigen zu täuschen, aus der weit entfernten Anstalt Bernburg in Sachsen. Die Todesursachen waren von den verantwortlichen Ärzten in Hartheim willkürlich ausgewählt worden: "Lungenentzündung", "Gehirnschwellung", "Schlaganfall" und dgl.. Es sind Fälle dokumentiert, wo eine akute Blinddarmentzündung angeführt wurde, obwohl die Betroffenen längst keinen Blinddarm mehr hatten.

Rasch sprachen sich die gehäuften Todesmeldungen bei den Angehörigen und bei den Patienten herum. Die ersten drei Transporte verliefen noch relativ ruhig, die Szenen beim vierten waren aber, so der damalige Leiter der Frauenabteilung Dr. Hans Gföllner, "von  zum Teil erschüttender Natur, wenn ich mich daran erinnere, dass Frauen am Boden knieten, mich an den Füßen fassten und armselig um ihr Leben bettelten, während ich ihnen nicht helfen konnte….Erschütternd war z.B. eine Kranke, die ihre ängstlichen Mitpatientinnen damit zu trösten glaubte, indem sie, die selber vollkommen bei Gebrauch der Vernunft war, ihnen sagte, sie sollten sich nicht fürchten, denn der Führer würde niemals eine so grausame Tat zulassen. Ebenfalls so erschütternd war ein anderer Fall einer an sich intelligenten Frau aus der 1. Verpflegsklasse (Anna Maria Wahl), die tags vorher in die Zelle gesperrt werden musste, damit sie das Inventarisieren nicht wahrnähme und dadurch in Unruhe gerate. Als diese von der Begleitmannschaft aus der Frauenklinik in den Wagen gezerrt wurde, schrie sie mit gellender Stimme: `Mein, spricht der Herr, ist die Rache´."

 

MARGARETE EDER:

Eine der aus der Landesheilanstalt Salzburg abtransportierten Frauen war Margarete Eder. "Erbringung des Arier-Nachweises negativ" hieß es zu ihr in ihrem  Patientenakt. Zur Bestätigung prangte vorne am  Schutzkarton ein roter Davidstern. Margarete Eder war Jüdin, eine von zwei unter den Opfern der Aktion "T4"  aus Salzburg. Sie wurde 1890 in Wien geboren, besuchte dort im Anschluss an die  Volks- und Bürgerschule ein Jahr lang die Handelsschule. Danach arbeitete sie als Buchhalterin.

Kurz nach Ende des 1. Weltkrieges konvertierte Eder Margarete zum römisch-katholischen Glauben und heiratete einen Pongauer Schlossermeister. Wenige Monate nach Geburt des ersten Kindes kam es im Frühjahr 1920 aufgrund von Verwirrtheitszuständen zur Aufnahme in die Landesanstalt "Am Steinhof"  in Wien. Da sie und  ihre Familie in Bischofshofen das Heimatrecht besaßen, wurde Margarete Eder in die Heilanstalt nach Salzburg überstellt, wo sie nach wenigen Tagen zu ihrem Mann entlassen werden konnte. Ein Monat später kam es für ein halbes Jahr zu einer Wiederaufnahme. Vermerkt wurde dabei die Diagnose "Dementia praecox", wie die Schizophrenie damals genannt wurde.

18 Jahre später wird Margarete Eder zum dritten Mal in die Landesheilanstalt Salzburg eingewiesen. Inzwischen war die Familie in  den Pinzgau übersiedelt, zwei weitere Kinder auf die Welt gekommen und die Ehe geschieden. 

Mitte März 1941 benötigte Margarete Eder dringend eine zahnärztliche Behandlung. Es fand sich aber offensichtlich kein Zahnarzt, der bereit war, eine "Volljüdin" von ihren Zahnschmerzen zu befreien. Ob Margarete Eder noch vor dem 16. April 1941, dem Tag an dem sie dem 1. Transport nach Hartheim angeschlossen wurde,  in zahnärztliche Behandlung kam, ist nicht dokumentiert.