Zwangssterilisierung

"Die Eingriffe zur Unfruchtbarmachung der Frau"; aus "Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", Rüdin et .al., München 1934.

Bereits wenige  Wochen nach ihrer Machtergreifung 1933 in Deutschland erließen die Nationalsozialisten das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Dort hieß es deutlich: "Wer erbkrank ist, kann unfruchtbar gemacht werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen und geistigen Erbkrankheiten leiden werden."

Obwohl eine Vererbbarkeit wissenschaftlich nur zum geringsten Teil nachgewiesen war, galten z.B. Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein und schwerer Alkoholismus als Erbkrankheiten im Sinne des Gesetzes. Für die Erfassung waren die Gesundheitsämter zuständig. Beantragen konnte den Eingriff außer dem Betroffenen selbst, der beamtete Arzt oder der Anstaltsleiter. Sobald beim zuständigen "Erbgesundheitsgericht" die Sterilisierung endgültig verfügt worden war, so war "sie auch gegen den Willen des Unfruchtbarzumachenden und falls notwendig durch Anwendung unmittelbaren Zwanges" auszuführen. Insgesamt wurden an die 400.000 Menschen zwangsweise unfruchtbar gemacht.

In der "Ostmark"  trat das Gesetz am 1. Jänner 1940 in Kraft. Vorläufige Schätzungen gehen von 6. - 10.000 Opfern der Zwangssterilisierungsaktion in Österreich aus. Salzburg hat sich offenbar bei den Anträgen an die Erbgesundheitsgerichte besonders hervorgetan. In einem vertraulichen Schreiben aus dem Jahr 1940 wird beklagt, dass im ersten halben Jahr seit dem Inkrafttreten des Gesetzes "Wien mit 13 Sterilisationsanträgen weitaus an letzter Stelle der Ostmark steht."  Salzburg nahm mit 52 Anträgen die "Spitzenposition" in dieser Statistik ein. (Quelle: DÖW). Genaue Zahlen für das Bundesland Salzburg fehlen. Dokumentiert sind rund 30 im Landeskrankenhaus durchgeführte Zwangssterilisierungen von PatientInnen der Landesheilanstalt Salzburg. 

Besonders dramatisch war der Verlauf  bei einer 1907 geborenen Frau aus der Stadt Salzburg.  Am 26.9.1940 verfügte das Gericht die Sterilisierung. Am 25.10.1940 wurde sie von der Salzburger Heilanstalt in das Landeskrankenhaus transferiert. 6 Tage später starb sie an den unmittelbaren Folgen der Operation. Ihr Schicksal war kein Einzelfall. MedizinhistorikerInnen gehen bei den an Frauen durchgeführten Zwangssterilisierungen von einer Todesrate von über 1 % aus.

Widerstand gegen die Zwangssterilisierungsaktion kam ausschließlich von Seite der katholischen Kirche. Die Bischöfe hatten jegliche Mitwirkung von katholischen Krankenschwestern und Ordensleuten bei der Durchführung von Operationen zur Unfruchtbarmachung abgelehnt. An diesen Beschluss hielt sich auch Anna Bertha Königsegg, die Visitatorin der Barmherzigen Schwestern in Salzburg. Sie gab den über hundert im Landeskrankenhaus tätigen Barmherzigen Schwestern die Weisung, bei derartigen Eingriffen nicht zu assistieren.