"Am Spiegelgrund"

In der Klinik "Am Spiegelgrund" aufgenommenes Foto von Ursula Sandgathe; Quelle: DÖW.

Die Wiener "Kinderfachabteilung" wurde im Juli 1940 am Gelände der Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" eingerichtet. Sie war zunächst Teil der "Wiener städtischen Jugendfürsorgeanstalt" und ab 1942 als "Wiener städtische Nervenklinik für Kinder" "Am Spiegelgrund" eine selbstständige Anstalt. Hierher wurden auch mindestens 19 Kinder und Jugendliche aus Salzburg - das jüngste gerade ein paar Wochen alt, die älteste 17 Jahre - eingewiesen.

Die verantwortlichen ÄrztInnen, wie beispielsweise Dr. Heinrich Gross, verfassten nach einem Beobachtungszeitraum eine Meldung an den „Reichsausschuss“ in Berlin. Diesem Bericht gingen eingehende Untersuchungen der Kinder, psychologische Tests und umfangreiche Familienanamnesen voraus. Zwei Fragen standen bei diesen Erhebungen im Vordergrund: besteht eine Erbkrankheit, und welchen ökonomischen Nutzen würden die Kinder der Gesellschaft bringen? Um der Beurteilung eine wissenschaftliche Seriosität zu verleihen, verwendeten die MedizinerInnen Kategorien von "nicht bildungsfähig", "nicht arbeitsverwendungsfähig" bis zu "erziehbar".

Formal behielt sich der "Reichsausschuss" die Entscheidung über die Tötung vor. Aus der Praxis der Wiener Kinderfachabteilung lässt sich aber feststellen, dass die eindeutigen Formulierungen in den Meldebögen die Antworten aus Berlin vorwegnahmen. Typische Anmerkung auf die Frage, ob nach ärztlicher Sicht eine Besserung oder Heilung zu erwarten wäre: "Nein. Dauernde Pflegebedürftigkeit und keinerlei Arbeitseinsatzfähigkeit zu erwarten."

War die Verfügung zur "weiteren Behandlung", wie die zynische Formel lautete, "Am Spiegelgrund" eingelangt, wurden den Kindern in Überdosierung Schlafmittel, vor allem Luminal, verabreicht. Gewichtsverlust, hohes Fieber und Anfälligkeit für Infektionen waren die Folge. Kurz vor dem Tod informierten die Ärzte die Eltern über eine besorgniserregende Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Wenig später langten die Todesmeldungen mit der "offiziellen" Todesursache, wie z.B. Lungenentzündung und dem Hinweis, dass das Kind durch einen "sanften Tod erlöst" worden wäre, ein.
Insgesamt sind "Am Spiegelgrund" über 800 Kinder und Jugendliche gestorben.

 

URSULA SANDGATHE:

Eines der Opfer war Ursula Sandgathe. Sie wurde als jüngstes von vier Kindern am 14. Mai 1940 in Oberhausen im Rheinland geboren. Im Alter von einem Jahr traten bei ihr nach schweren Bombenangriffen erstmals Krämpfe auf, die im Laufe der Zeit immer stärker wurden und zu Bewusstlosigkeit führen konnten. Die Familie suchte Schutz vor den Fliegerangriffen und kam nach Hallein, wo sie am Dürrnberg eine kleine Unterkunft fand. Dennoch ging es dem Mädchen immer schlechter. Angstzustände und Anfälle häuften sich, sodass es ins Landeskrankenhaus Salzburg zur Beobachtung eingewiesen werden musste. Nach ein paar Wochen wurde sie wegen "Aussichtslosigkeit" ungeheilt entlassen. Der vom Gaufürsorgeamt eingeschaltete Amtsarzt stellte daraufhin den Antrag auf eine Anstaltsunterbringung. Am 17.Dezember 1942 wurde das kleine Mädchen vom Krankenhaus Hallein nach Wien überstellt. Nach einer Woche Aufenthalt "Am Spiegelgrund"meldete  Dr. Heinrich Gross das Kind an den "Reichsausschuss" in Berlin.  Am 1. März 1943 erging die "Schlechtmeldung" an die Eltern. Vier Tage später starb das Kind um die Mittagszeit an "Lungenentzündung".